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  • Hsin-Mei Chuang

Herbstgrüsse von der grünen Henriette





ÄHNLICH wie ihr entfernter Verwandter Heinrich fand auch Henriette eine kleine Bibliothek verjährter Damenkalender aus der Jugendzeit ihrer Mutter. Sie bargen einen Schatz von sentimentalen Landschaftsbildern mit dunklen Hainen, deren Bäume ihr unvergleichlich gestochen schienen, die Grenzen zwischen Kitsch und unschuldiger Poesie verwischend.

Henriette erfand darin ihre eigenen Landschaften, in denen sie halb bewusst, halb unbewusst umherwanderte. Als einsame Social-Media-Dame war sie allmählich von einer ungebührlichen Selbstbeschauung und Eigenliebe beschlichen worden. Schliesslich tauschte sie in einem weichlichen Selbstmitleid ihre modischen Markenkleider gegen ein grünes, romantisch geschnittenes Gewand. Mit einem Reisekorb in der Hand, worin sie ihr Mobiltelefon (im Flugmodus) verstaut hatte, schlafwandelte sie durch die virtuelle Welt wie durch einen ewig goldenen Herbstwald.



frei nach Gottfried Keller: Der grüne Heinrich


von fremd sein ohne fremd zu sein, Till Schaap Ediiton, 2021


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